Der Corona-Dschungel

Große Literatur ist Spiegelbild der Gesellschaft. Upton Sinclairs Roman “Der Dschungel” erschien im Jahr 1906 und erzählt in dramatischen Worten von den miserablen Zuständen auf einem Schlachthof der Superlative in Chicago. Sinclair schreibt über die prekären Bedingungen der Arbeiterschaft, über die Enge und Hermetik in der Todesfabrik, wo Schlachter dicht gedrängt, Tag für Tag, ihrer Metzger-Tätigkeit nachgehen.

Corona-Virus legt Schlachthöfe lahm

Über 100 Jahre später sind die US-amerikanischen Schlachthöfe erneut in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Dieses Mal in Verbindung mit der Corona-Krise. Und wieder geht es um unmenschliche Arbeitsbedingungen bei der zumeist eiskalten Fließbandarbeit, die hauptsächlich im Billiglohnsektor von Latinos durchgeführt wird. In der von Lärm übertönten Kulisse, stehen die Arbeitskräfte Schulter an Schulter und müssen schreien, um sich zu verständigen.

In einem Schlachthof im US-Bundesstaat Colorado wollte sich ein Mitarbeiter vom Dienst abmelden, weil er sich krank fühlte. Doch das wurde ihm von seinem Chef verweigert. Er war an Corona infiziert und steckte 100 weitere Mitarbeiter des Schlachthofes an. Nun ruht der Betrieb. Insgesamt drei Schweineschlachthöfe in den USA mussten schließen.

Diese Produktionsstätten haben einen Marktanteil von 15 Prozent. Da in den USA nur wenige große Schlachthöfe den überwiegenden Bedarf des US-amerikanischen Marktes decken, herrscht Knappheit im Land der Fleischliebhaber. Leere Tiefkühltruhen und nur gering bestückte Burger-Läden sind die Folge. Denn die Schlachthöfe sind regional sehr konzentriert. Lieferengpässe seien die Folge.

Deutschland ist auch betroffen

Doch auch in Deutschland sind nun Schlachthöfe als Infektionsherde im Visier. Infizierte Super-Spreader in NRW und Schleswig-Holstein steckten viele ihre Kollegen an. In einem nordrhein-westfälischen Schlachtbetrieb in Coesfeld sind 150 von rund 1.200 Mitarbeitern erkrankt. Ebenfalls werden schlechte Arbeitsbedingungen und mangelnde Sicherheitsvorkehrungen von den Gesundheitsämtern moniert.

Schlachthöfe zeigen sich während der Pandemie also auch hier als riskante Infrastruktur. Upton Sinclairs Dschungel lässt grüßen.

(Foto: Jai79, pixabay.com)

11. Mai 2020

Kommentare

  1. Security Freak

    Bei der Enge, die in solchen Betrieben herrscht, überraschen mich die Infektionszahlen nicht.

  2. Emilia Kraus

    Da würde mich mal interessieren, wie es derzeit bei Amazon aussieht. Dort fährt man ja eine ähnlich strenge Personalpolitik!

  3. Kirstin Launders

    Eine echte Schweinerei.

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